Nachdem ich die gamescom hier auf emaster.de schon blind gelobt und einen Besuch dort empfohlen habe, möchte ich die Dinge wieder etwas gerade rücken.
Denn bei meinem Besuch der Kölner Messe für elektronische und interaktive Unterhaltung wurde mir schnell klar, dass ich mich mit der Lobhudelei zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte.
Von der glanzvollen Gamer-Party auf der einstigen Games Convention in Leipzig ist nichts mehr übrig!
Die gamescom 2010 in Köln wirkt halbherzig organisiert und irgendwie wie ein ganz billiger Abklatsch der GC…
Ich sehe es ja ein, ich stelle hier nur meine persönliche Meinung dar, andere mögen die gamescom ganz toll finden…
Okay, wer die gamescom das erste Mal besucht und vorher noch nicht in Leipzig dabei war, wird vielleicht ganz zufrieden nach Hause fahren. Immerhin gibt es ja hier und da noch etwas Partystimmung, fliegende T-Shirts und sexy Babes. Bei einigen Spielen kann man auch selber Hand anlegen und einen genaueren Blick riskieren, was ja eigentlich der Hauptgrund für den Messebesuch ist.
Ich habe aber den Unterschied nun selbst erlebt, war 2008 in Leipzig und hatte entsprechend hohe Erwartungen an die Koelnmesse. Zumindest theoretisch sprachen aus meiner Sicht alle Argumente dafür, dass die Kölner das erfolgreiche Leipziger Games Convention-Format nicht nur stemmen, sondern sogar noch toppen würden. Ich sollte mich irren…
Die Atmosphäre zündet nicht, der Funke springt nicht über. Man merkt, dass die gamescom nicht in Köln über viele Jahre entwickelt wurde, sondern auf recht brutale Weise aus Leipzig abgezogen wurde. Und was einem eigentlich nicht richtig gehört, zu dem hat man offensichtlich auch keinen großen Bezug.
Man nehme halt ein paar Messehallen, in der Nähe ein paar schlecht ausgeschilderte Parkplätze unter irgendwelchen Brücken, kassiere dafür 8,- Euro, verkaufe drinnen die minderwertigsten Bratwürste, die man auftreiben kann, stelle noch ein paar Stände zwischen die Hallen auf den Beton, und lasse den Rest sich mehr oder weniger von selbst regeln. Die Kids werden schon in Scharen anreisen und Geld in die Kassen spülen.
Diese Lieblosigkeit spiegelt sich leider auch auf vielen Messeständen wider. Wo vor zwei Jahren in Leipzig noch imposante Kulissen standen, tun es heute in Köln ein paar schlichte Wände, etwas Deko und ein paar bunte Glühbirnen. Selbst bei Blizzard (World of Warcraft) gibt es in dieser Hinsicht wenig Spektakuläres zu sehen. Alles sehr zweckmäßig = langweilig.
Andere Stände sehen gut aus und sind auch praktikabel, wie z.B. im Falle von “Gothic 4 – Arcania”. Doch leider türmt sich dort eine “Playmobil-Interactive” Werbesäule auf, die beinahe den gesamten Gothic 4 Stand verdeckt! Hat da jemand bei der Platzvergabe gepennt oder sollte dieser stilistische Fauxpas etwa Absicht sein? Nur ein Beispiel für die merkwürdig zerfahrene Atmosphäre, die auf der gamescom vorherrscht.
Ein weiteres unübersehbares Übel sind die unsäglichen 18+ Sperrgebiete! Diese Todeszonen werden von Zombie-Warteschlangen bevölkert und sind ein echter Stimmungskiller. Diese abgeschotteten Kästen wirken wie Geisterbahnen des Jugendschutzes. Warum keine halboffenen Areale mit Sichtschutz und Ordnern, die die farbigen Armbändchen kontrollieren? Dann gäbe es wenigstens Bewegung unter den Zombies und es ließen sich ansprechende Kulissen gestalten. Falls doch mal ein “Kind” einen Blick auf einen verbotenen Monitor erhaschen sollte, wird es dieses einschneidende Extremerlebnis gewiss ohne Trauma überleben.
Nun denn, wenigstens Marktführer Electronic Arts (Die Sims und viel mehr) ließ sich nicht lumpen und klotzte eine mächtige Zockerzone in die Halle 6. Pech, wer sich für Spiele aus diesem Haus nicht interessiert.
Enttäuschungen auch bei der Suche nach Kunst und Kultur auf der gamescom. Gab es in Leipzig noch ein Machinima-Kino, verschiedene Ausstellungen virtueller Kunst und 3D-Figuren, heißt es in Köln hierzu: Fehlanzeige!
Nun mögen einige schreien, dass man dieses Zeug doch eh nicht braucht. Ich bin aber anderer Meinung. Wer den Bereich Computerspiele wirklich ernst nimmt und sich dazu auch noch als glaubwürdiger Messe-Veranstalter positionieren will, muss auch Platz für virtuelle Kunst und Kultur schaffen. Geschieht dies nicht, sagt das eine Menge aus…
Auch das Rahmenprogramm der gamescom mag gut gemeint sein; in Leipzig fand dies jedoch direkt auf dem Messegelände statt und nicht irgendwann, irgendwo in der Stadt. Die Games Convention war eine einzige Party – Mein Gott, dort gab es sogar einen extra aufgeschütteten Strand! Live-Bühnen an jeder Ecke! Da konnte man sich immer prima vom Trubel in den Hallen erholen.
Was hinter den geschlossenen Türen der Business Area abgeht, wie viele erfolgreiche Geschäfte auf der gamescom letztendlich gemacht werden, das vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich behaupte aber: Als Konsumentenmesse ist die gamescom in ihrer derzeitigen Form praktisch nutzlos. Es gibt keinerlei relevante Informationen, die man nicht auch auf den Webseiten diverser Game-Magazine, auf YouTube oder im persönlichen Lieblingsforum in Erfahrung bringen könnte. Die gamescom ist dazu noch wenig unterhaltsam, dafür aber umso hässlicher und ohne jegliche Zocker-Atmosphäre.
Ich will mich nicht wieder so weit aus dem Fenster lehnen, kann mir aber nicht vorstellen, dass die gamescom noch lange durchhält. Das Format einer international beachteten Messe für Computerspiele ist einfach zu lukrativ, die Konkurrenz liegt sicher schon wieder auf der Lauer und achtet sehr genau auf Kölner Missstände. Diese sind anhand des Leipziger Vergleichs geradezu offensichtlich. Schnell sind die Hersteller wieder an Bord eines anderen Branchenflaggschiffes gezogen, nachdem sich Köln selbst in die Bedeutungslosigkeit versenkt hat.
Mein abschließender Tipp: Ein Besuch auf der gamescom schadet nicht und tut auch nicht weh. Aber die gamescom ist kein Vergleich zur alten Games Convention. Das Reise-, Eintritts- und Verpflegungsgeld ist daher wahrscheinlich in einem Computerspiel besser angelegt.