Die Euphorie war kurz und heftig, die Existenz von Lively war es auch.
Von einer Konkurrenz zur virtuellen Welt Second Life war die Rede, es sollte eine Wiederbelebung der flauen 3D-Welten stattfinden, Geschäfte in virtuellen Online-Räumen gemacht werden…
…Man hörte sogar davon, dass in wenigen Jahren alle Webseiten, ja sogar das ganze Internet, nur noch in 3D über den Bildschirm flackern sollten.
Gut, ob das irgendwann tatsächlich mal so ist, sei dahingestellt. Für mich war schnell klar, dass Google Lively – obwohl nicht grundsätzlich schlecht – nicht das Zeug dazu hatte, das Internet umzukrempeln.
Lively lieferte vielmehr den Beweis, dass selbst bei den Obergurus von Google längst nicht immer alles glatt läuft…
Die größten Innovationen liefen bei Google in diesem Jahr unter der Haube ab. Es gab viele kleine Verbesserungen hier und da, von denen die breite Öffentlichkeit aber kaum Notiz nahm.
Wurde es dann etwas größer und startete Google etwas Neues, war das Medieninteresse ungleich höher.
Im Gegensatz zu Unternehmen wie etwa Microsoft schreien bei Apple oder Google immer alle laut Hurra, um sich später leise und unauffällig in die Ecke zu verziehen, wenn die großartige Neuerung doch nicht ganz so toll war.
Auch Lively bekam viel mehr Aufmerksamkeit ab als es verdient hatte.
Es hätte einfach ein netter 3D-Chat werden können, sollte aber die ganze Last der virtuellen Zukunft auf seinen angeknacksten Schultern tragen. Was bei Second Life nicht funktioniert, sollte in Lively besser klappen.
Daraus konnte nichts werden. Nicht nur, dass Lively keinerlei Innovation für das Genre bieten konnte (3D-Chats gibt es schon wie Sand am Meer), es strotzte anfänglich nur so vor Bugs.
Nutzer von Googlemail-Konten schafften es über Tage hinweg nicht, sich in Lively einzuloggen. Es dauerte schon etliche Tage bis überhaupt klar war, woran es lag. Bis zur Behebung des Problems waren Wochen vergangen.
Ebenfalls Wochen dauerte die Re-Aktivierung der interaktiven Bilderrahmen, mit denen man Fotos von seinem Rechner in seinen Lively-Räumen präsentieren konnte. Das wohl wichtigste Feature überhaupt. Ich denke dabei an Produktfotos, Firmenlogos, künstlerische Fotografien, Artwork, CD-Cover…
Als es endlich wieder aktiviert wurde (in offenbar völlig unverändertem Zustand) hatten viele kreative Köpfe und Leute mit professionellen Ambitionen Lively längst schon wieder den Rücken gekehrt.
Dazu kam noch ein total lästiges Ein- und Auslogg-Verfahren, was sogar erst nach Monaten verbessert wurde.
Unter Support verstand Google das Einrichten eines Forums in Google Groups, wo Moderatoren – wenn überhaupt – erst nach Tagen antworteten, und das meist nur sehr oberflächlich und allgemein. Sowas braucht kein Mensch.
Wenigsten die Nutzer sorgten im Forum hier und da für konstruktive Ansätze. Schade, dieser Einsatz war nun umsonst.
Und dann die Sex-Räume! Oder besser gesagt, die Leute, die sich darüber beschwerten. Da eröffnet jemand einen Raum mit dem Wort “Sex” im Titel und schon schreit die ach so aufgeklärte Web-Gemeinde um Hilfe.
Wer virtuellen Sex sucht, braucht dazu keinen besonderen Raum. Das geht immer und überall. Und wer glaubt, er könne bei menschlichen Zusammentreffen (und seien sie auch nur virtuell) die Erotik ausklammern oder verbieten, kann auf Dauer nur scheitern.
Oder gehen Sie in die Kneipe ohne ein wenig zu flirten oder mit dem/der Partner/in zu kuscheln? Dann ist es ja kein Wunder, dass die (Web-)Evolution nicht richtig in Gang kommt.
Aber ich will nicht zu streng mit Lively umgehen. Es ist schließlich klar, dass die kunterbunte Cartoon-Grafik auch Minderjährige anlockt. Hier hätte man eine Lösung parat haben müssen, mit Prüderie und Stillschweigen kommt man nicht weiter.
Überhaupt hatte mich der kindlich naive Look von Lively sehr überrascht. Schließlich ist Google kein Wohltäter, sondern interessiert sich hauptsächlich für das ganz große Geld – tatsächlich möchte man sich wieder mehr aus seine Kernkompetenzen konzentrieren, der Werbung.
Zwar war Lively wirklich sehr liebevoll gestaltet; würden Sie aber Geschäftspartner, Kollegen und Kunden in Ihre virtuellen Lively-Geschäftsräume einladen?
Verändern ließ sich die Lively-Umgebung auch nur mittels vorgegebener Räume und Objekte. Es fehlte die Möglichkeit von “User-Generated-Content” (von Benutzern erstellter Inhalt), heutzutage eigentlich ein Muss.
Es ist trotzdem schade, dass Lively nun komplett eingestellt wird. Trotz der zu geringen Nutzerzahlen scheint der Unterhalt und die Weiterentwicklung der Plattform nicht rentabel genug zu sein.
Google hat die Nutzer aufgefordert, noch fleißig Fotos zu schießen, damit wenigstens eine kleine Erinnerung an Lively bleibt.
Was ebenso noch bleibt, ist der fade Nachgeschmack. Wenn sogar Google sich aus dem Thema 3D-Welten zurückzieht, wie ist es dann allgemein um die Zukunft von Second Life & Co bestellt?
Auch wenn man virtuelle Online-Räume in 3D im Moment eigentlich nicht braucht, das Internet wäre doch um einiges ärmer ohne sie.
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